

Die Uhr, die ich heute vorstellen möchte, ist eines der Vintage-Modelle von Seiko, das ich selbst am häufigsten trage. Eine minimalistische Dresswatch, deren unauffällige Optik nur wenig über die revolutionäre Technik im Innern verrät. Die Seiko Grand Quartz 9940-8000 ist – ohne Tag und Datum – auf das Wesentliche reduziert: ein schlichtes, aber hervorragend verarbeitetes Gehäuse, ein dezent strukturiertes Zifferblatt mit polierten Stundenindizes und Zeigern und ein komplexes, hochpräzises Twin-Quartz-Werk, dessen Ganggenauigkeit auch heute noch im Bereich modernster High-Accuracy-Quarzuhren liegt.
Ich habe die Uhr 2025 in einem nahezu neuwertigen Zustand, frisch revidiert und kalibriert, für rund 400 € erworben. Bis auf das von mir montierte Krokodillederband von „Fluco“ und die Dornschließe ist sie vollständig original erhalten.




Historischer Kontext
Seiko’s Grand Quartz- Serie entstand während der sogenannten Quarzkrise in den 1970er Jahren. Damals stürzte die Markteinführung serienreifer Quarzarmbanduhren (Seiko Astron, 1969) und deren massenhafte Verbreitung in den späteren 70er Jahren die traditionelle Uhrenindustrie – allen voran die Schweizer Manufakturen – in eine tiefe wirtschaftliche und strukturelle Krise. Quarzwerke waren deutlich präziser und zudem auch noch wesentlich günstiger und einfacher zu produzieren als mechanische Werke, wodurch mechanische Uhren schlagartig und massiv Marktanteile verloren.
Die Grand Quartz waren im Premiumsegment angesiedelt. Direkt unterhalb der noch präzisieren „Quartz Superior“ positioniert, kosteten sie damals oftmals mehr als die zeitgenössischen mechanischen Grand Seiko Uhren.
Der Neupreis der im Seiko JDM Katalog 1979 Vol.2 erstmals gelisteten Grand Quartz 9940-8000 betrug 75000¥. Das entspricht einer heutigen Kaufkraft von rund 1600€. Quarzuhren waren „State of the Art“ und entsprechend teuer.


Die im Spätsommer 1978 eingeführte Kaliberfamilie 99xx bezeichnet den Höhepunkt dessen, was damals technisch möglich war. Dank der von Seiko neu entwickelten Twin Quartz-Technologie wurde eine Präzision erreicht, die zuvor unvorstellbar war.
Technische Daten / Specs
- Referenz: 9940-8000
- Baujahr: 09/1978
- Hersteller: Seiko Suwa Division (Präfektur Nagano, Japan)
- Uhrwerk: Kaliber 9940 mit Twin Quartz Technologie zur Temperaturkompensation, 5 Lagersteinen und einer Gangabweichung von +/- 10s im Jahr
- Gehäuse: Edelstahl poliert / gebürstet
- Durchmesser: 36mm
- Höhe: 8,3mm
- Bandanstösse: 19mm
- Glas: Hardlex Mineralglas mit AR-Beschichtung
- Band: Aftermarket Krokodillederband von „Fluco“, 19x16mm tapered
- Revisionsgeschichte: 04/2024 Komplettrevision
- Aktuelle Gangwerte: > +1s im Monat
Gehäuse und Verarbeitung
Das 36mm Edelstahlgehäuse mit den damals für Seiko üblichen 19mm Bandanstössen wirkt sehr hochwertig verarbeitet, mit fein gebürstetem Oberflächen und polierten Fasen.

Auffällig ist die extrem kleine Krone mit Twin Quartz-Logo, die man – bei einer Gangabweichung von nur +/- 10s im Jahr – allerdings auch nur äußerst selten benötigt.

Das Seiko eigene Hardlex-Mineralglas ist innen antireflex-beschichtet, was das helle Zifferblatt mit den filigranen polierten Zeigern auch im Sonnenlicjt noch ablesbar macht und ihm zusätzliche Tiefe verleiht.
Die Gehäusekonstruktion selbst ist unkonventionell. Das Werk ist von oben in ein eigenes Stahl-Monocoque-Subgehäuse eingesetzt, das von unten in ein separates Mittelgehäuse gepresst wird.

Beim ersten Zerlegen wirkt es zwar wie ein herkömmliches Gehäuse mit aufgesetztem Boden, hebt man den Boden jedoch vom Gehäuse ab, löst sich das gesamte Subgehäuse, das das Werk enthält.
Zifferblatt und Zeiger
Das silberfarbene, sehr fein strukturierte Zifferblatt mit polierten Stundenindizes, einem ebenfalls polierten, aufgelegten Seiko-Schriftzug sowie dem Twin Quartz-Logo wirkt ausgesprochen ruhig und edel. Die Drucke, von „Grand Quartz“-Schriftzug bis zu dem kleinen Suwa Zeichen sind auch unter der Lupe betrachtet sehr sauber und scharf.
Die polierten, äußerst filigranen Zeiger wirken stimmig und elegant. Der Sekundenzeiger trifft die Markierungen perfekt, ist jedoch derart schmal geraten, dass er selbst bei günstigen Lichtverhältnissen auf dem metallischen Zifferblatt kaum zu erkennen ist.
Der Verzicht auf Tag- und Datumsanzeige lässt die Referenz 9940 dabei ruhiger wirken.
Ein Design, das die auf das Wesentliche reduzierte japanische Ästhetik in besonderem Maße veranschaulicht und das seine Details oft erst auf den dritten Blick offenbart.

Werk und Technik
Die im Spätsommer 1978 eingeführten 99xx Kaliber waren die ersten Quarzwerke mit Seiko’s neu entwickelter Twin Quartz Technologie.

In der Grand Quartz-Serie lösten sie die zuvor verwendeten Kaliber 48xx ab und ermöglichten – dank der neuartigen Temperaturkompensation – eine noch nie dagewesene Präzision. Ganggenauigkeiten von +/- 10s, die das Vorgängermodell im Monat erreichte, erreichte die neue Grand Quartz mit Twin-Quartz-System nun im Jahr!
Es lohnt sich also, diese damals bahnbrechende Technik- und das Problem, welches mit ihr gelöst wurde – näher zu betrachten:
In einer Uhr mit einem mechanischen Standardwerk schwingt die Unruh – sozusagen als „Taktgeber“ – in der Regel mit 21.600 oder 28.800 Halbschwingungen pro Stunde (A/h). Die Uhr „tickt“ also sechs- bzw. achtmal pro Sekunde, das sind 3 bzw. 4 Hz.
Der Quarzkristall einer Standard-Quarzuhr osszilliert mit 32.768 Hz. Rund 8000mal schneller als ein mechanisches 4 Hz Uhrwerk. Das eine ermöglicht eine deutlich höhere Präzision und Ganggenauigkeit.
Allerdings sind auch Quarzuhrwerke temperaturempfindlich – wenn auch weniger als mechanische Uhrwerke.
Temperaturveränderungen verschieben die Resonanzfrequenz des Quarzes, was die digitale Teilung verfälscht und dadurch die Sekundenzeiger minimal verändert.
Sehr vereinfacht: Die Uhr läuft bei Raumtemperatur, also 25°C, mit einer Gangabweichung von +/- 0s. Temperaturabweichungen nach oben oder unten verändern die Frequenz des Quarzes und führen so zu einem Nachgang der Uhr – und der ist nicht unerheblich. Bereits eine Temperaturdifferenz von 10°C zum Umkehrpunkt führen zu einer Gangabweichung von etwa -0,3s am Tag. Bei einer Temperatur von -5°C oder +35°C beträgt sie bereits -1,3s am Tag.

Zur Lösung dieses Problems entwickelte Seiko Ende der 1970er Jahre die Twin Quartz-Technologie, mit einem zusätzlichen zweiten Quarz zur Temperaturkompensation.
Bei diesem Verfahren arbeitet der „Master-Quarz“ mit der Standardfrequenz von 32.768Hz, während der zweite Quarz mit einer höheren Frequenz schwingt. Beide Quarze verändern ihre Frequenz in Abhängigkeit zur Temperatur, jedoch auf unterschiedliche Weise. Für jede gegebene Temperatur ergibt sich so eine spezifische Differenz zwischen den Frequenzen der beiden Quarzkristalle. Diese Frequenzdifferenz wird erfasst und gemessen, dient damit als indirektes Maß für die Temperatur und wird als Eingangssignal für eine Kompensationsschaltung verwendet. Im Technischen Handbuch für das Kaliber 9923A wird diese Methode näher erläutert:

Die Kennlinie des „Master-Quarz“ zeigt, wie sich die Gangabweichung des 32.768 Quarzes in Abhängigkeit zur Temperatur verändert.
Die Kennlinie des Hilfs-Quarz zeigt entsprechend, wie sich die Frequenz des Hochfrequenzquarzes mit der Temperatur verändert.
Der Hilfs-Quarz wurde dabei so gewählt, dass seine Kennlinie dieselbe Form besitzt, wie jene des 32.768Hz Master Quarz (beide sind Parabeln mit demselben quadratischen Koeffizienten, jedoch mit ihrem Scheitelpunkt bei unterschiedlichen Temperaturen).
Subtrahiert man die beiden Kurven voneinander, erhält man eine Gerade, die in der Abbildung links als Linie A bezeichnet ist. Diese Linie A fungiert faktisch als Maß für die Temperatur.
Wie in der Abbildung rechts zu sehen ist, wird Linie A anschließend digital in Kurve B transformiert, die die eigentliche Kompensationskurve darstellt.
Da die Kompensationskurve B die Kennlinie des Master-Quarz spiegelt, ergibt die Addition beider Kurven die Linie C, die eine Gangrate zeigt, die nicht mehr temperaturanhängig ist.
Im Wesentlichen handelt es sich um ein digitales Zählkorrekturverfahren. Die Impulszählung des 32.768Hz Quarzes wird entsprechend der gemessenen Temperatur angepasst.
Einordnung in den Sammlermarkt
Konkrete Produktionszahlen von Seiko sind nicht öffentlich verfügbar. In Anbetracht des relativ kurzen Produktionszeitraumes von Emde 1978 bis etwa 1983, der Positionierung im Premiumsegment und der eher seltenen Variante ohne Tag und Datum, dürften schätzungsweise um die 5000 bis 10000 produzierte Exemplare der 9940-8000 realistisch sein.
Gut oder sehr gut erhaltene Exemplare – mit sauberem Zifferblatt, nicht aufpolieren Gehäuse und zuverlässig laufendem Werk sind nur noch schwer zu finden.
Die Marktpreise variieren zwischen rund 250€ bis 300€ für Uhren in verhältnismäßig schlechtem Zustand und bis zu 800€ für Exemplare in Topzustand. Allerdings sind auch Letztere meist nicht revidiert.
Insgesamt werden die Seiko „Grand Quarz“ Uhren noch immer preislich eher unterbewertet.
Stärken und Schwächen
Die Seiko Grand Quartz 9940-8000 ist eine hochwertig verarbeitete Uhr, deren Finish auf ähnlichem Niveau wie die damaligen Grand Seikos liegt.
Ihr High Accuracy Quarzwerk mit Twin Quartz Temperaturkompensation erreicht eine Ganggenauigkeit, die auch heute noch – fast 50 Jahre nach ihrer Markteinführung – mit den präzisesten modernen Quarzarmbanduhren mithalten kann.
Das puristische Design ist klassisch und dennoch eigenständig und charakterstark.
Die größte Stärke der Uhr ist zugleich aber auch ihre Schwäche:
Die Kombination aus zwei Quarzen, empfindlicher Elektronik und nicht mehr verfügbaren Originalteilen macht die Wartung und Kalibrierung deutlich anspruchsvoller als die einfacher Quarzuhren.
Bei Twin Quartz-Werken wie dem Kaliber 9940 sind vorallem die Kondensatoren im Temperaturkompensationskreis der kritische Punkt. Diese Bauteile regulieren, wie die beiden Quarze ihre jeweiligen Frequenzabweichungen bei Temperaturveränderungen ausgleichen. Mit der Zeit kann sich ihre Kapazität durch Austrocknen oder Materielalterung verändern, wodurch die Präzision der Uhr nachlässt. Nach etwa 40 bis 50 Jahren dürften viele der damals verbauten Kondensatoren am Ende ihrer Lebenserwartung angelangt sein.
Hinzu kommen die Quarzkristalle selbst, deren Frequenz mit zunehmendem Alter leicht driften kann, sowie die Elektronik, etwa Widerstände, Lötstellen und integrierte Schaltungen, die in der Praxis quasi irreparabel sind. Mechanische Komponenten wie Zahnräder benötigen zwar auch bei Quarzuhren regelmäßige Wartung, sind hier aber eher sekundär.
Nur noch wenige spezialisierte Uhrmacher verfügen über die nötigen Kenntnisse und die Messgeräte um diese Uhrwerke zu revidieren und präzise zu kalibrieren.
Für.mich persönlich verbindet die 9940-8000 in herausragender Weise höchste Präzision mit der Eleganz einer klassischen Dresswatch. Dabei ist sie auch nach 50 Jahren noch problemlos als Alltagsuhr tragbar. Es ist eine Uhr mir Geschichte, ein technischer Meilenstein und ein Beispiel höchster japanischer Ingenieurskunst.


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